| 7. Sonntag im Jahreskreis B |
Autor: Pfarrer Poschenrieder |
| Evangelium:
Mk 2,1-12
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Wir haben soeben diese Heilung eines Gelähmten gehört. Wir erinnern uns, daß Jesus ihm zuerst die Sünden vergeben hat, und als zweites erst ihn von seiner Krankheit heilte. Ich möchte auf etwas hinweisen, das ihnen vielleicht im ersten Moment gar nicht auffiel und doch von Bedeutung ist. Es ist eigentlich nur ein kleines Wörtchen, das man überhören könnte. "Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Jesus sagte nicht "seinen Glauben", den Glauben des Gelähmten, sondern ihren Glauben! Es ist anscheinend der Glaube der 4 Männer entscheidend. Als sie den Kranken wegen der großen Volksmenge nicht bis zu Jesus hinbringen konnten, gaben sie es nicht gleich auf. Sie sagten nicht: Da kann man nichts machen, versuchen wir es halt ein anderes Mal. Liebe macht erfinderisch. Die Träger schleppten den Kranken über die Außentreppe aufs flache Dach hinauf. Das war natürlich nicht so solide gebaut wie bei uns. Äste, Holzprügel und gestampfter getrockneter Lehm waren wahrscheinlich das Baumaterial. Es war nicht schwer abzudecken (und auch nicht schwer, nachher zu reparieren!) Petrus, der sicher bei Jesus im Zimmer saß, wird sehr überrascht, vielleicht sogar empört gewesen sein, als die Leute das Dach seines Hauses über ihm abdeckten. Aber Jesus lehrte unbeirrt weiter, so konnte ihn Petrus auch nicht unterbrechen. Vielleicht wundert uns, daß Jesus zuerst die Sünden verzeiht und dann erst heilt. Er zeigt wieder einmal, wofür er eigentlich gekommen ist. Die Heilung soll nur ein Hinweis sein, daß er die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben. Letztendlich ist diese Vergebung viel wichtiger für den Kranken, denn es schenkt ihm ein reines und gutes Gewissen vor Gott. Jesus schenkt diese Vergebung wegen ihres Glaubens und nicht wegen seines Glaubens. Sie sagen, das ist Zufall, aber lesen wir andere Heilungsgeschichten in den Evangelien nach, dann findet sich dort ähnliches. Der Knecht des Hauptmannes wird geheilt, weil dieser Jesus entgegengeht, ihn bittet und an seine unbeschränkte Macht glaubt (Mt 8,5-10). Oder Eltern bitten für ihre kranken Kinder: so der Tempelvorsteher Jairus (Mk 5,22-43). Jesus heilt auf seine Bitte hin seine Tochter und weckt sie von den Toten auf. Oder die Frau aus Syrophönizien (Mk 7,24-30): Auf ihren Wunsch hin befreite er ihre Tochter vom unreinen Geist. Oder der Vater eines Knaben, der von einem stummen Geist besessen war (Mk 9,14-29). Weil der Vater geglaubt hat, wurde sein Sohn geheilt. Immer kommt es auf ihren Glauben an. Ihr festes Vertrauen bewegt Jesus zur Wundertat. Es scheint als könnte ein Mensch mit seinen Glauben für andere eintreten. Der Glaube der Eltern, des Dienstherrn, der Freunde zählt, wo der Kranke unfähig ist, ihn zu äußern. Der Glaube der helfenden Freunde ist also nicht nebensächlich. Er hilft mit zur Vergebung und zur Heilung. Auch der reuige Sünder steht nicht allein vor Gott. Die gläubige Gemeinschaft hilft ihm, Verzeihung zu finden. Das nennen wir Stellvertretung! Die Stellvertretung ist ein urkatholisches Prinzip! Der Sühnetod Jesu am Kreuz ist stellvertretend geschehen. Er ist stellvertretend für unsere Sünden, die er auf sich genommen hat, in den Tod gegangen, um uns zu erlösen, um uns aus dem Finsternis zu holen. Er, der nie gesündigt hat, nimmt stellvertretend unsere Sünden auf sich, um uns zu retten. Ein evangelischer Bischof hat ein Buch herausgegeben mit dem Titel: "Keiner kann sich vertreten lassen." Dieser Bischof meint, daß der einzelne seine persönliche Verantwortung wahrzunehmen habe und daß er sich dabei von niemandem vertreten lassen könne. Stellvertretung könne also nicht bedeuten, daß der Mensch seine eigene Verantwortung auf einen anderen übertragen könne oder sie sich von einem anderen abnehmen lasse. Auch in seiner Liebe zum Nächsten und vor allem in seiner Liebe zu Gott könne man sich nicht vertreten lassen. Am Schluß des Buches jedoch gibt er zu, daß es doch Stellvertretung gebe, indem er auf Jesus Christus hinweist, der stellvertretend für uns gelitten hat und gestorben ist. Warum aber soll dies nur für das Leben Christi gelten und nicht auch für das Leben aller Christen. Gibt es nicht Fälle, wo die Liebe fähig ist, fremdes Schicksal nicht nur zu verstehen, sondern wie das eigene mitzuleben, sich so stark damit zu identifizieren, daß man das fremde Schicksal an die Stelle des eigenen übernehmen will? Ein Beispiel: Eine Tochter bietet Gott ihr Leben an für die Bekehrung ihrer Mutter. Kurze Zeit später wird sie sterbenskrank und auf dem Sterbebett verspricht ihr die Mutter umzukehren. Stellvertretung! Auch der Priester ist Stellvertreter Christi. Jesus fragt, was leichter sei, die Verzeihung oder die Heilung. Nun, für den Menschen ist beides gleich schwer, das heißt unmöglich. Aber die Heilung ist kontrollierbar, die Vergebung der Sünden nicht. "Wer kann Sünden vergeben, außer Gott" - oder: "Ich mache mir meine Sünden mit unserem Herrgott allein aus." Das sind typisch vorchristliche, jüdische Standpunkte. Vor Christus blieb nichts anderes übrig, man mußte seine Sünden allein mit Gott ausmachen. Man brachte dafür Opfer dar - aber wurden sie auch angenommen? Die vorchristliche und unchristliche Menschheit lebte da in großer Unsicherheit. Der Trost: "Unser Herrgott ist nicht so!". Christlich ist die Überzeugung, daß der Menschensohn Jesus und durch ihn viele Helfer die Vollmacht haben, auf Erden Sünden zu vergeben, Stellvertreter Christi sind. Wie gut, daß man die Vergebung Gottes hören und sehen kann. Wie menschlich und nahe ist da die Barmherzigkeit Gottes! Wie unbegreiflich und dumm ist es dagegen, die Beichte abzulehnen und zu vorchristlichen Auffassungen und Unsicherheiten zurückzukehren! Sonderbar, daß die Menschen immer wieder in Extreme fallen. Man hat gemeint die leichten Sünden brauche man nicht beichten, das passiert einem doch gleich wieder. Jetzt sind wir so weit, daß überhaupt nicht mehr gebeichtet wird und daß mir immer wieder Leute ernsthaft ins Gesicht sagen. Ich habe keine Sünden. Es kommt bald wieder die Fastenzeit, die in diesem Jahr die große Umkehr zum Vater sein soll. Die Kirche bietet ihnen die Lossprechung Gottes für Ihre Sünden an und wird auch ihnen sagen, wie dem Gelähmten: "Deine Sünden sind dir vergeben." Amen. |