| 10. Sonntag i. Jahreskreis A |
Autor: Pfarrer Poschenrieder |
Evangelium: Mt 9,9-13 Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Ich stelle mir ein kleines, enges Zollhäuschen vor, davor eine heruntergelassene Schranke, die eine staubige Straße teilt. Neben dem Häuschen steht eine einfache Holzbank, auf der Matthäus sitzt. Etwas gelangweilt und mißmutig schaut er vor sich hin. Es ist kein besonders anstrengender Beruf, den er ausübt, er muß nicht wie viele andere schwere körperliche Arbeit verrichten. An das Unangenehme hat er sich längst gewöhnt: Wer tagtäglich die vorbeifahrenden Händler und Reisenden zur Kasse bitten muß, dem wird es irgendwann gleichgültig, ob ein böses Wort fällt oder ein verächtlicher Blick ihn trifft. Matthäus hat viel Zeit, seinen Gedanken nachzugehen. In diesen Wochen sind ohnehin nicht so viele unterwegs. Seine Kollegen nerven ihn. Sollen die ruhig drinnen sitzen, Karten spielen und herumprahlen, wer welchen Reisenden wieder nach allen Regeln der Kunst ausgenommen hat. Ihm ist es drinnen ohnehin zu eng und zu stickig geworden. Da sitzt er lieber auf der Bank und schaut auf die staubige Straße. Nein, er will nicht stöhnen, er könnte es schlimmer haben. Man muß zufrieden sein. Trotzdem: Wenn er ehrlich ist, ist er unzufrieden. Er fühlt und weiß es, aber er gibt es ungern zu. Unzufrieden mit seinem Beruf, in dem es nur um´s Geld geht, ein dreckiges Geschäft, die Leute übers Ohr zu hauen und für die verhaßten Römer zu arbeiten. Unzufrieden mit seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Unzufrieden mi t seinem Leben, bei dem vieles nur um´s Geld geht. Matthäus denkt zurück. Eigentlich hätte er Tempeldiener werden sollen. Er hatte mal frommere Zeiten. Manche, die um seine Vergangenheit wissen, machen sich daraus ein boshaftes Vergnügen, ziehen ihn damit auf und reden ihn mit Levi an. Ein Levit, einer aus dem besonders gottesfürchtigen Stamm, der Leviten und gerade der sitzt am Zoll. Matthäus hat Lesen und Schreiben gelernt, das Gesetz studiert, sich mit jüdischen Bräuchen beschäftigt. Er kennt sich aus, bis ins kleinste. Er weiß auch Bescheid, wie sie wirklich leben, die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Fromme und Gottesfürchtigen: Was sie sagen, das kann man ja durchaus befolgen. Nur was sie tun, da sollte man besser nicht hinschauen. Von den Menschen erwarten sie Gottesfurcht und Gesetzestreue, aber selbst machen sie keinen Finger krumm. Am liebsten sitzen sie auf den Ehrenplätzen und in den Synagogen in der ersten Reihe. Wie gerne lassen sie sich auf den Marktplätzen blicken und als wichtige Persönlichkeit begrüßen. Matthäus ist ärgerlich, wenn er daran denkt. Er hat es damals mit dem Glauben ernst gemeint. Hat hohe Ideale gehabt. Aber die Wirklichkeit hat ihn abgestoßen. Da sitzt er lieber am Zoll und bittet die Leute zur Kasse. Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe die Situation ein bißchen ausgeschmückt. Matthäus selbst schreibt über seine Berufung kurz und bündig. Im Bewußtsein, daß er ein Zöllner ist und die Pharisäer die Sünder und Zöllner oft in einen Topf werfen, schildert er nüchtern und ohne viele Worte zu verlieren, wie Jesus sich verhielt. Jesus sah ihn und sagte zu ihm: "Folge mir nach. Da stand Matthäus auf und folgte ihm." Ohne Diskussion, ohne Verhandlungen, ohne Bedenkzeit. Was mag sich Matthäus wohl gedacht haben, als Jesus da vor ihm stand. Er traute wohl seinen Ohren nicht. Lange aber hat er nicht überlegt. Er mußte sich entscheiden. Die Freude war sicherlich übergroß, daß er, ein Zöllner, angesprochen wird; er, der mit seinem Leben sowieso nicht ganz zufrieden war. Jetzt heißt es nicht lange zögern. Jetzt heißt es dem Ruf folgen. Wenn der Ruf an einen ergeht, darf man nicht lange warten, sondern muß handeln, muß aufstehen, muß Jesus folgen. Dieses eine Wort "folge mir nach" war der Schlußstrich unter seinen langen Überlegungen. Denn irgend etwas mußte sich ändern, etwas was mit Geld nicht zu bezahlen war. Wenn wir Jesu Handeln betrachten ist es aus der Sicht der Pharisäer unverständlich, wie er sich benimmt. Da beruft er sich Jünger, die seine frohe Botschaft weitersagen sollen. Er sucht dafür nicht die Qualifizierten und Frommen aus, die Schriftgelehrten, sondern er umgibt sich mit Fischer vom See Genesaret und beruft den Zöllner, der die Leute ausnimmt und dazu noch im Dienst der ausländischen Besatzer steht. Und dann ißt er auch noch mit ihnen. Viele andere Zöllner und Sünder kommen dazu. Haben die überhaupt die Reinheitsriten beachtet? Jesus hört nicht auf das Gerede anderer Leute und läßt sich dadurch nicht umstimmen. Nein, er ist auch zu den Sündern gesandt worden. Er geht zu ihnen, um sie zurückzuholen, um sie zu rufen. Es ist nie zu spät zur Umkehr, solange wir hier auf Erden leben. Ganz deutlich spüren wir hier wieder die Sünderliebe Jesu. Die Kranken, die Sünder sollen spüren, daß Gott sie will, daß er sie liebt. Das gilt allen Ausgestoßenen, den Hungrigen, den Aussätzigen, den Dirnen, der Samariterin, dem Verbrecher neben ihm am Kreuz. Jesus verzeiht bis in den Tod. Und die Menschen scheinen es gespürt zu haben. Sie kamen zu ihm, kehrten um, bereuten ihre Sünden, fühlten sich neu angenommen und glaubten an ihn. Von Matthäus können wir lernen auf den Ruf Gottes zu hören und diesem zu folgen. Von Jesus lernen wir seine Barmherzigkeit und seine Liebe zu den Sündern. Wie erklärt sich diese unendliche Milde seines Herzens gegen uns? Es ist das Herz des guten Hirten und des Arztes, der die menschliche Schwäche kennt. Wo andere Herzen versteinern oder sich verbittert vor den Menschen verschließen, da wird sein Herz groß und weit. Jesus sieht das Ewige im Menschen, er sieht die unsterbliche Seele, die unendlich wertvoll ist, die er retten will, und dann geht er dem verirrten Schaf nach als der gute Hirt und darum geht er dem verlorenen Sohn nach als barmherziger Vater. Amen. |