Liebe
Brüder und Schwestern im Herrn!
Im Advent steht eine Person im
Mittelpunkt, die man als Bindeglied zwischen AT und NT bezeichnen könnte. Es ist Johannes
der Täufer, der Vorläufer Jesu. Er ist der letzte der Propheten des Alten Bundes, die
den Erlöser ankündigen, und der nun aber im NT zu finden ist.
Was ist das für eine seltsame Gestalt, dieser Johannes der Täufer? Ist er nicht ein
wirklicher Sonderling? Ausgerechnet dieser Mann wird uns als ein adventlicher Mensch vor
Augen gestellt. Daher ist es gut, diesem sonderbaren Propheten ein wenig nachzuspüren.
Wenn wir seine Lebensweise anschauen, fallen uns drei unmögliche Haltungen auf. Die Wahl
des Aufenthaltortes, seine Kleidung und seine Ernährung.
Zunächst: Johannes war ein Mann mit einem unmöglichen Aufenthaltsort. Haben Sie schon
einmal darüber nachgedacht, was es heißt, in der Wüste zu leben, in einem Gebiet, in
dem die Tagestemperaturen oft auf fünfzig Grad ansteigen, natürlich im Schatten? Hinzu
kommt ein krasser Temperatursturz bis an den Gefrierpunkt in der Nacht. Wie kann man einen
solchen Ort wählen, um als Prediger aufzutreten? Wer das tut, kann nicht ganz normal
sein. Johannes hätte besser in Jerusalem auftreten sollen. Dort hätte er ein großes
Publikum gehabt. Denn nach Jerusalem pilgerten alle Juden.
Hinzu kommt: Johannes war ein etwas rauher Geselle mit unmöglicher Kleidung. Er trug ein
Gewand aus Kamelhaaren mit einem Ledergürtel. Dieses Gewand war höchstwahrscheinlich
unbearbeitet, es sticht und kratzt.
Schließlich: Johannes war ein Mann mit einer unmöglichen Ernährung. Das verdeutlicht
sich, wenn wir betrachten, was er täglich aß. Das war alles andere als eine gesunde,
ausgeglichene, ökologische Kost. Sein Müsli war nicht besonders einfallsreich. Es
bestand aus Heuschrecken und wildem Honig. Das zeigt: Johannes ernährte sich von dem, was
er an Eßbarem in der Wüste fand.
Was faszinierte die damaligen jüdischen Normalbürger eigentlich an diesem Mann, so daß
sie in großen Scharen in die Wüste zogen? Ohne Auto oder Bus mit Aircondition! Vielmehr
nahmen sie die Mühe eines anstrengenden Marsches auf sich, um Johannes zu sehen, ihn
predigen zu hören, ihre Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen. Und dabei ging
dieser Gottesmann mit ihnen keineswegs zimperlich um. Ihr Schlangenbrut! So
schimpfte er manche. Wie würden Sie sich verhalten, wenn ich Ihnen sagen würde:
Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gesagt, daß ihr dem kommenden Gericht davonlaufen
könnt? Ich würde bald vor leeren Bänken predigen. Irgendwie war dieser
unangenehme Kerl anziehend für die Leute von damals. Sie glaubten ihm, kehrten um. Wie
schön wäre es, wenn es heute auch so einen gäbe, der diese Anziehungskraft hat, wo alle
plötzlich sich aufraffen würden und scharenweise in den Beichtstuhl finden würden, um
ihr sündiges Leben zu bekennen? Nur heute gibt es keine Sünden mehr. Das, was früher
eine Sünde war, ist heute erlaubt. Wir dürfen doch nicht mehr so altmodisch sein, heißt
es.
Johannes hat aber nicht gepredigt: Lieber Herodes, du hast recht. Heirate nur die
Frau von deinem Bruder. Wenn du sie wirklich liebst, ist das in Ordnung. Er hat
anders gesagt. Er hat zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Frau
zu haben.
So hat er also ganz deutlich den Menschen von damals die Wahrheit gesagt, die eigentlich
keiner gerne hört, wenn es sich um Umkehr und Buße handelt.
Was hat die Menschen an diesem Exoten Johannes so fasziniert? Was die Leute fasziniert,
war das Gespür: Dieser Mensch redet nicht nur, sondern er lebt, was er predigt. Er nahm
das Leben und den Glauben ernst. Seine Bescheidenheit und seine Demut waren echt. Das
spürten die Leute von damals und daher ist er auch glaubwürdig. Anziehend war in einer
gewissen Weise sicherlich seine Radikalität. Er verneinte nichts anderes so sehr wie die
Lauheit.
Seine Botschaft war die: Er verkündete einen anderen. Nicht er ist der Messias, sondern
er ist die Stimme eines Rufers in der Wüste. Der nach ihm kommt, ist stärker als er. Er
ist nicht würdig, ihm die Schuhriemen zu öffnen. Johannes taufte nur mit Wasser. Dieser
wird mit Heiligem Geist taufen.
Johannes verstand sich also nur als Werkzeug. Dieser muß wachsen, ich muß abnehmen.
Nicht er ist die wichtige Person, sondern der, den er ankündigt, der Messias. Dies soll
auch unsere Einstellung sein. Auch in uns, in unserem Herzen, soll Jesus zunehmen und ich
abnehmen. Und was soll in uns abnehmen? Unser Eigenwille muß absterben, unser Egoismus
muß verschwinden. Dein Wille geschehe. Immer wieder entdecken wir uns dabei, unseren
Willen unbedingt durchsetzen zu wollen. Das ist die Umkehr, die Johannes verkündet. Er
zeigt auf Jesus, der unser Weg ist. Umkehr bedeutet seinen eigenen Weg verlassen und Jesus
nachfogen, der sagt: Ich bin der Weg.
Wenn die Stimme also verkündet: Bereitet den Herrn den Weg., heißt das auch,
dass wir uns auf diesen Weg machen sollen und ihm entgegengehen sollen. Wenn wir auf dem
falschen Weg sind, sollen wir umkehren. Das ist die Botschaft des Johannes, das ist die
Botschaft des 2. Adventsonntags und das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums. Amen. |