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1. Adventsonntag 1999

Autor: Pfarrer Poschenrieder

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Ich wünsche Ihnen alles Gute zum neuen Jahr! Jetzt sind sie erstaunt! Ja, ein neues Kirchenjahr hat angefangen. Was haben Sie sich vorgenommen? Wie ist das letzte Jahr verlaufen? Haben Sie schon einen konkreten Vorsatz gefaßt? Soll man sich nicht wieder bemühen?
Was!? Sie haben sich diese Fragen noch gar nicht gestellt! Diese Fragen stellen Sie sich erst in einem Monat am 31.12, zu Silvester! Sie haben also den Jahreswechsel der Kirche nicht bemerkt! Noch dazu so einen Wichtigen.

Wir merken, daß sich das Kirchenjahr nicht so in uns verwurzelt hat. Es ist uns nicht so bewußt, daß die Kirche mit dem Advent ein neues Jahr beginnt, das Markusjahr, wo die Frohbotschaft aus dem Markusevangelium hauptsächlich vorgelesen wird.
Sie wissen, Advent heißt Ankunft. Wir warten auf die Ankunft des Herrn und wollen uns darauf vorbereiten. So wie das große Osterfest die Fastenzeit als Vorbereitungszeit hat, so gibt es den 4-wöchigen Advent als Einstimmung auf Weihnachten.
Heute in der hl. Messe haben Sie sicherlich verschiedene Veränderungen bemerkt. Es ist nicht so wie immer. Der Advent hat die Farbe violett, eine Farbe der Buße und der Umkehr. Den Ruf zu Buße und Umkehr sollen auch wir hören, und er soll uns durch die Farbe schon bewußt gemacht werden. Der Jubelruf des Gloria wird in der Adventzeit eingestellt, damit das „Gloria in excelsis“, das „Ehre sei Gott in der Höhe“, das die Engel zu Bethlehem singen, uns zu Weihnachten bewußter gemacht wird. Ein Adventkranz hängt plötzlich in der Kirche und eine Kerze brennt.
Wir merken also, es ist schon eine andere Zeit angebrochen, eine neue Zeit. Für die Kinder ist es oft eine lange Zeit des Wartens. Sehnsüchtig wird das Christkind erwartet, das uns die Geschenke bringt. Für die Erwachsenen ist es oft eine Zeit der Hektik. Es wird von einem Geschäft zum anderen gehetzt, um rechtzeitig die Besorgungen zu machen, die Geschenke zu kaufen, damit jeder etwas bekommt.
Aber überlegen wir heute: „Wie können wir dieses Jahr einen sinnvollen Advent leben?“
Für die Christen soll der Advent wie ein gewaltiges Tor sein, das er durchschreitet, das in den Vorraum eines großen Heiligtums führt. Wenn wir als Christen durch dieses Tor gehen, stehen links und rechts zwei Gestalten, zwei Wächter. Sie rufen uns zu und erinnern uns auf welchen Weg wir uns aufgemacht haben. Diese beiden Gestalten sind sehr verschieden.
Der eine ist groß, aber asketisch und in Kamelhaare gekleidet. Er will niemand anderer sein, als eine aus der Wüste tönende Stimme: „Bereitet die Wege des Herrn. Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe.“ Die Stimme klingt überzeugend, mit einem gewissen Ernst dabei.
Die andere Gestalt ist eher zurückhaltend. Sie weiß, auf wen sie wartet, ihr Leib spricht sichtbar von dem, den sie erwartet. Sie selbst spricht nicht viel, behält betend das Geheimnis bei sich, und man hört nur leise die Worte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“
Der eine ist Johannes der Täufer. Er ruft auf zu einem Neuanfang, zu Umkehr, zur Buße, zu einer guten Weihnachtsbeichte, u.s.w.
Die andere ist die Gottesmutter Maria. Sie steht für die Ruhe, für die Stille des Advent, für die Abende, wo man die Adventkranzkerzen anzündet, ein Gebet mit den Kindern spricht und Lieder singt. Die Stimme des Gewissens spricht nicht in der Hektik des Alltag, sondern du hörst sie, wenn es ganz leise ist, wenn wir uns besinnen, so wie es bei der Gottesmutter Maria in Nazaret war, die sich vorbereitet auf die Geburt ihres Sohnes.
Welcher Unterschied zwischen den Gestalten. Beide wissen, auf wen sie warten. Beide warten auf denselben. Und doch ist der große Unterschied da:
Die eine Gestalt, die sich nicht scheut die Sünden aufzudecken. Auch den Ehebruch des König Herodes verschweigt er nicht. Er hat keine Angst vor Gefangenschaft und Enthauptung. Er hat keine Bedenken mit derben Ausdrücken. Er bezeichnet die Pharisäer sogar mit Natterngezücht, mit Schlangenbrut. Sie sollen Früchte bringen, die der Bekehrung würdig sind.
Die andere Gestalt, ganz anders, etwas zierlich. Sie erwartet Gott als kleines Menschenkind. Sie ist sich bewußt, daß Gott Großes an ihr getan hat. Ist es nicht auf übernatürliche Weise geschehen, als ihr der Engel sagte: „Der Heilige Geist wird über dich kommen.“? Sie glaubt ihm und doch ist es so unvorstellbar.
Beide warten auf den Kommenden mit einer Sehnsucht, die ihr ganzes Wesen erfüllt. So sollen auch wir warten. Unser ganzes Leben ist ein Advent. Wir warten letztendlich auf die zweite Ankunft Christi in Herrlichkeit, wenn er wiederkommt. Auch auf das will uns der Advent wieder aufmerksam machen. Wir warten also auf Christus, und er möge uns wach finden. Darum möge unser Advent ein Weg zu einem gnadenreichen Weihnachten sein. Ein Advent der Besinnung, des Gebetes, der Einkehr und der Buße.
Treten wir ein durch diese Tor, wo links und rechts diese beiden großen Heiligen uns begrüßen. Lassen wir uns berühren von ihren Worten, die sie uns zurufen und von ihrer Botschaft, die sie uns mitteilen wollen. Dann wird es ein guter Advent im Sinne der Kirche. Ein Erwarten der Herrlichkeit Christi, und ein Warten auch auf das Christkind, auf das sich besonders die Kinder so freuen. Amen.

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